Während bei mir in der Zentralschweiz die Guggenmusik spielt und Konfetti durch die Gassen fliegt, sitze ich im Zug Richtung Glarnerland. Ich tausche Fasnacht gegen Fernsicht, Lärm gegen Stille und lande schliesslich im Sernftal. Was ich dort erlebe, lässt mein Herz hüpfen, so richtig. Frischer Schnee, wolkenloser Himmel, keine einzige Spur im Gelände. Und ich mittendrin.
Die Anreise mit ÖV dauert gut zwei Stunden. Zug, Bus, viermal umsteigen. Ein kleines Abenteuer für sich. Und dann stehe ich vor den Sportbahnen Elm.

Gold-Vreni, Citro und das Martinsloch
Mit Elm verbinde ich so einiges. Allen voran Vreni Schneider – unsere Gold-Vreni. In meiner Kindheit waren ihre Rennen Pflichtprogramm. Ich sehe sie noch heute, wie sie um die Stangen kurvte und ich mit klopfendem Herzen mitfieberte.
Und dann ist da noch das Elmer Citro – dieses zitronige Kultgetränk, das mich an Wanderungen mit meinen Eltern erinnert, wenn es auf dem Gipfel auf der Sonnenterrasse ein Fläschli Citro als Belohnung gab.
Und hoch oben in der Felswand liegt das Martinsloch, dieses riesige Felsenfenster, durch das zweimal im Jahr die Sonne exakt auf die Kirche im Dorf scheint. Schon aus dem Postauto entdecke ich es und merke: Hier beginnt das Staunen eigentlich schon im Tal.

Ämpächli oder Ampächli oder Empächli?
Ich bin früh dran, es ist noch kein Gedränge an der Gondel. Ohne Anstehen fahre ich hoch aufs Ämpächli. Der Himmel ist wolkenlos, die Sonne guckt gerade hinter den Gipfeln hervor.
Ich gönne mir erst einmal einen Kaffee und sinniere über die Schreibweise vom Ort wo ich gerade bin. Ämpächli? Ampächli? Empächli? Man sieht alle möglichen Varianten. Wie auch immer, schön ist es hier oben.

First Line im Neuschnee
Ich brauche kein Starthaus wie Vreni. Ich schnalle mir die Schneeschuhe an und folge dem markierten Trail 992. Bis zur Heuersiedlung Hengstboden laufe ich auf einem präparierten Winterwanderweg. Eigentlich bräuchte ich die Schneeschuhe hier nicht zwingend, aber nach dem gestrigen Schneefall ist alles weich und fluffig. Die Tannen tragen dicke Schneemützen. Es sieht aus wie auf einer Postkarte. Nur dass ich mittendrin stehe.



Und dann wird es magisch, der Schneeschuhtrail zweigt ab, und ich kann es kaum fassen. Keine einzige Spur, das Gelände gehört mir ganz allein. Ich ziehe meine eigene Linie durch den frischen Schnee. Eine First Line. Ob man das beim Schneeschuhlaufen auch so nennt? Vielleicht gibt es keinen Fachbegriff dafür, aber ich weiss: Das hier ist pures Schneeschuhglück.

Ich blicke immer wieder zurück auf meine Spur und muss grinsen. Man kann so etwas nicht planen, manchmal ist man einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Natürlich ist es auch anstrengend. Es geht bergauf. Das Stapfen durch den weichen Schnee fordert die Beine und die Lunge. Ich lasse mir Zeit, schaue zu den Gipfeln, entdecke Tierspuren und höre nur meinen Atem und das Knirschen unter den Schneeschuhen.

Bänkli auf 1740 Metern
Beim Matthüttli erreiche ich den höchsten Punkt auf 1740 Metern über Meer. Ich setze mich aufs Bänkli, halte das Gesicht in die Sonne und bin einfach dankbar für diesen Tag.


Dann geht es steil hinunter. Ich suche meinen Weg von pinkem Pfosten zu pinkem Pfosten, immer die nächste Markierung im Blick, bis ich das Restaurant auf der Bischofalp entdecke.

Gerstensuppe mit Aussicht
Auf der Sonnenterrasse finde ich mit etwas Glück einen der begehrten Sonnenplätze mit Bergblick und bestelle eine Gerstensuppe. Die habe ich mir verdient.

Von dort ist es nicht mehr weit zurück zum Hengstboden und über den bekannten Winterwanderweg zurück zum Ämpächli. Inzwischen sind mehr Menschen unterwegs, ein paar Spaziergänger kommen mir entgegen. Der Zauber ist trotzdem noch da.

Was bleibt
Die längere Anreise hat sich mehr als gelohnt. Trail 992 ist technisch einfach, landschaftlich wunderschön und mit etwas Glück sogar ungespurt. Ich steige in die Gondel mit müden Beinen und einem breiten Lächeln. Für solche Tage fahre ich gerne mal wieder zwei Stunden Zug.


Route: Schneeschuhtrail 992
ÖV: Postauto-Haltestelle Elm, Sportbahnen
Höchster Punkt: Matthüttli, ca. 1740 m
Distanz: ca. 6–7 km
Höhenmeter: rund 400 m
Zeit: etwa 3–3,5 Stunden, je nach Schnee und Pausen
Einkehr: Restaurant Bischofalp
Infos: schweizmobil.chSandr(it)a
